~Rezension: Tahereh Mafi – Ich fürchte mich nicht~

Titel: Ich fürchte mich nicht
Autorin: Tahereh Mafi
Übersetzung: Mara Henke
Verlag: Goldmann

Juliette ist 17 Jahre alt und seit Monaten in einen engen kahlen Raum eingesperrt. Als sie einen Zellengenossen bekommt, fängt sie an ihm zu vertrauen und erkennt ihn sogar wieder. Er ist Adam, ein Junge aus ihrer ehemaligen Schule, in den sie jahrelang heimlich verliebt war. Doch ihre Haut entzieht jedem, der sie berührt, das Leben, fügt ihm schreckliche Schmerzen zu und kann ihn sogar töten.
Plötzlich ändert sich ihre zerbrechliche Welt erneut, als Adam sich als Soldat herausstellt und die Regierung sie zwingen will ihre Fähigkeiten einzusetzen um Menschen zu foltern. Juliette weiß nicht, was sie tun soll. Sie hat keinen Ort zu dem sie gehen kann, kein Leben um das sie kämpfen könnte und keinen Menschen, dem sie vertrauen kann. Warner, dem die Soldaten unterstellt sind, will sie an seiner Seite haben und ihr Macht geben, die sie gar nicht will, aber sie verabscheut ihn. Adam hat sie verraten. Was soll sie tun? Wie kann sie verhindern der Regierung als Folterinstrument zu dienen? Und wie soll sie so weiter leben?


Meine Meinung

Der Anfang
Der Einstieg ist geprägt von Zahlen. Fakten, an die Juliette sich klammert, um in dieser Welt zu überleben. Sie zeigen deutlich, wie kalt und leer ihr Leben ist und werfen Fragen auf. Wo und warum ist sie gefangen? Was ist passiert? Die Gefangenschaft scheint ein unabänderlicher Zustand zu sein. Das einzige, das sich in den letzten Monaten, bevor sie einen Zellengenossen bekommen hat, geändert hat, waren die Zahlen. Die Zeit vergeht immer weiter, egal ob die Welt es merkt oder nicht.
Das Verhalten des Jungen ist schwer zu durchschauen, seinen Namen erfährt der Leser erst im dritten Kapitel und wer er ist, noch später. Ihren Namen erfährt man sogar erst im vierten Kapitel. Alle Fragen werden erst ganz langsam beantwortet, da Juliette nicht sehr redselig ist und man zunächst ihr Leben in dieser Anstalt gezeigt bekommt.

Die Form
Besonders auffällig sind die verschiedenen durchgestrichenen Passagen. Dies sind Dinge, die Juliette denkt oder fühlt, aber nicht denken oder fühlen will, sowie Dinge von denen sie glaubt, dass die anderen sie meinen ohne sie auszusprechen.
Fast jede Szene bildet ein eigenes Kapitel, sodass der Roman auf nur 316 Seiten ganze 50 Kapitel und einen Epilog hat, welche teilweise nur 2-4 Seiten lang sind.
Der Roman steht in der Ich-Perspektive aus Juliettes Sicht und im Präsens, was ich persönlich immer ziemlich gewöhnungsbedürftig und einfach nicht angenehm finde. Die Spannung bleibt so aber gut erhalten, da der Leser niemals mehr weiß als Juliette.

Der Stil
Der Stil ist definitiv etwas besonderes. Es werden überwiegend kurze Sätze, häufig sogar Ellipsen verwendet. Manche Aufzählungen stehen ohne Kommas, manchmal sind Absätze mitten im Satz und manche Adjektive, Verben und Phrasen werden direkt mehrfach wiederholt, um sie zu verstärken.
Außerdem werden extrem viele Metaphern verwendet, die man so noch nicht gelesen oder gehört hat. Eindringlich und ganz nah an Juliettes Gedanken und Gefühlen zeigt die Sprache die Entwicklung von Juliettes Leben. Allerdings ist dieser Stil auch nicht immer leicht zu lesen.

Der Inhalt
Die einzelnen sehr kurzen Kapitel enden oft mit einem kleinen Cliffhanger, aber die eigentliche Spannung entsteht durch die Unwissenheit Juliettes, gegen die sie sich vergeblich zu wehren versucht. Da ihr kaum jemand Informationen geben will, muss sie langsam selbst hinter alles kommen.
Auch die Motive der anderen Figuren bleiben durch Juliettes Perspektive spannend. Warner ist wirklich böse, aber auch wahnsinnig interessant. Man will wissen, warum er so geworden ist und verstehen, was er denkt und fühlt, obwohl Juliette ihn (fast) durchgehend hasst.
Obwohl Warner einer der bösesten „Bad Boys“ ist, die ich bisher gelesen habe, schafft die Autorin es, anzudeuten, dass er gute Gründe, Gefühle und einen seelischen Schmerz hat, ohne dass er dadurch weniger böse wirkt.
Auch Juliette und Adam sind vielschichtig und interessant. Juliette kann durch eine einfache Berührung Menschen töten, will aber niemandem weh tun, was sie natürlich in einen gewaltigen Konflikt stürzt. Über Adam sage ich an dieser Stelle nichts, da das spoilern würde.
Die Welt ist eine der übelsten Dystopien, die ich bisher kenne. Es herrschen nicht nur Missstände und Ungerechtigkeiten, es gibt auch kaum noch Leben und nichts Schönes mehr auf der Welt. Hinzu kommt, dass die Handlung im Winter spielt, was die Atmosphäre noch grauer macht. Aber diese Stimmung unterstreicht Juliettes Leiden und gibt ihrer Geschichte noch viel mehr Tiefe.

Fazit

Ich habe dieses Buch gelesen, weil mich das Konzept angesprochen hat. Rogue ist eine meiner Lieblingsfiguren aus X-Men und eine Figur mit ihrer Fähigkeit als Protagonistin fand ich sehr interessant und bietet viel Potential für Konflikte. In wie weit dieses Potential genutzt wurde, kann ich erst nach den beiden Fortsetzung beurteilen, aber es ergibt sich im Laufe der Handlung ein ganz unerwarteter Konflikt.
Ich fürchte mich nicht ist ein gelungener Auftakt zu einer Trilogie, die verspricht spannend zu werden und zeigt eine grauenhaft dystopische Welt, in der lebenswertes Leben kaum noch möglich erscheint und ein tief verletztes Mädchen, das sich wünscht einen Platz für sich zu finden.
Der Stil ist irritierend und gewöhnungsbedürftig, aber auch besonders. Die Figuren sind interessant und vielschichtig und sehr sympathisch (jedenfalls die, die dies sein sollen) und der sich zwischen ihnen entwickelnde Konflikt macht gespannt auf den zweiten Teil der Trilogie.
Aufgrund des manchmal anstrengenden Stils und meines persönlichen Geschmacks, der so grau gestaltete Welten nicht so gerne hat, gebe ich Ich fürchte mich nicht 4 von 5 Herzen.

Stil: ♥♥♥
Anfang: ♥♥♥♥♥
Spannung: ♥♥♥♥
Charaktere: ♥♥♥♥♥
Welt: ♥♥♥♥
Handlung: ♥♥♥♥

♥♥♥♥

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