~Blogparade 2016: Wie man gute Liebesszenen schreibt~

Eine Liebesszene zu schreiben scheint für viele eine echte Herausforderung zu sein. Ich glaube allerdings, dass das daran liegt, dass man sich selbst zu viele Beschränkungen auferlegt. Gerade bei Liebesszenen gibt es so viele Aspekte auf die man achten kann und die man angeblich vermeiden soll. Vielleicht liegt das daran, dass die Liebe ein so zentraler Punkt im Leben der meisten Menschen ist. Ihr Leben ist davon geprägt, ihre Wünsche und Sehnsüchte hängen oft damit zusammen und die Liebe ist einer der wenigen Wünsche, die man sich niemals allein erfüllen kann.

Wenn ihr also an eine Liebesszene herangeht, solltet ihr euch erst einmal ein paar zentrale Fragen stellen:
Welche Rolle nimmt die Liebe in eurer Geschichte ein? Welche Rolle spielt sie für die beteiligten Figuren?
Was für eine Liebesszene wollt ihr schreiben? Welche Wirkung soll sie auf die Figuren, aber auch auf den Leser haben? Ist es der Beginn einer Romanze? Ein Schritt? Das Ende? Oder hat sie eine ganz andere Bedeutung?
Worauf liegt der Fokus? Auf den Gefühlen der Figur? Auf der Entwicklung ihrer Beziehung? Auf der Handlung?
Bevor ihr loslegt zu schreiben, solltet ihr auch kurz über euer Genre und eure Zielgruppe nachdenken.

Figuren
Zentral für eine Liebesszene sind natürlich die Figuren. Wie stehen sie vor der Szene zueinander? Wie danach? Ihr solltet eure Charaktere gut kennen, bevor ihr an der Szene schreibt. Was nicht ausschließt, dass sie sich während des Schreibprozesses etwas anders oder schneller entwickeln, als ihr gedacht habt. Gerade wenn ihr sie gut kennt, ist diese unerwartete Entwicklung meist viel natürlicher, als das, was ihr geplant hattet. Wenn ihr sie aber nicht kennt, kann es schnell zu sehr in eine Richtung gehen, die ihr euch vielleicht in eurem eigenen Leben wünschen würdet oder fürchtet.

Ein klassisches Beispiel: Der „Bad boy“. Ich weiß, viele Leser von Liebesgeschichten stehen auf „Bad boys“, ich gehöre auch dazu, aber wenn ihr sie schreibt, dann bedenkt: Menschen haben Gründe dafür, wie sie sind und Menschen können sich zwar ändern, aber auch dazu brauchen sie einen guten Grund. Und solche Veränderungen gelingen nicht von heute auf morgen. Liebe kann ein guter Grund sein, aber dann muss sie auch entsprechend stark sein. Und auch bei Männern mit harter Schale und weichem Kern sorgt der weiche Kern niemals dafür, dass sie zu perfekten, liebevollen, sanften „Good Guys“ werden. Menschen sind sowieso selten nur das eine oder das andere, aber wenn sie sich von einem Extrem in das andere ändern, ist es ein Prozess und die jeweils andere Seite wird trotzdem immer existieren.
Auch ein totaler „Good Guy“ ist unrealistisch und bietet auch nicht wirklich viel Potential für eine Geschichte.

Nun zu den Mädchen: Man muss weder immer taffe Mädchen noch immer schüchterne Mädchen schreiben, zumal die wenigsten echten Mädchen/Frauen absolut in eine der Schubladen passen. Eure Figuren dürfen individuell sein und müssen sich daher in keine Schublade stecken lassen, keinem Stereotyp entsprechen. Schreibt sie so wie ihr sie euch überlegt habt, wie sie sich entwickeln und zur Geschichte passen.

Liebes-/Gefühlsgrad
Nun denkt über eure Geschichte nach. Wie stehen eure Figuren zueinander? Lieben sie sich offen oder eher verdeckt? War es eine langsam wachsende Liebe oder ein stürmischer Moment, mit dem sie begonnen hat? Beruht sie überhaupt (bereits) auf Gegenseitigkeit? Ist es schon tiefe Liebe oder nur verknallt sein? Wenn sie für die Figuren bedingungslos ist, ist sie das dann wirklich oder kommt es ihnen nur so vor, weil sie noch in der anfänglichen Phase sind, in der sie frisch verliebt und euphorisch denken, dass alles perfekt sei und es niemals Probleme geben könnte?

Wie interagieren eure Figuren miteinander? Dies ist eine sehr zentrale Frage für den Realismus der Szene. Liebe schaltet sich nicht an und ab. Liebende Menschen verhalten sich immer anders, als nicht liebende Menschen, nicht nur in einer Szene, in der ihre Liebe im Zentrum steht.
Dabei ist auch egal, was für Figuren es sind. Die einen agieren liebevoller, während die anderen ihre Gefühle vielleicht unbedingt verstecken wollen, wie „Badboys“ zum Beispiel, aber trotzdem beeinflusst Liebe ihr Handeln, wann immer der Geliebte in der Nähe ist. Es ist unrealistisch, dass man dies nur in einzelnen Szenen merkt. In bestimmten Situationen können sich Menschen scheinbar ganz anders verhalten, beispielsweise, wenn sie sich unbeobachtet fühlen, aber wenn ihr die Szenen schreibt, die keine Liebesszenen sind, behaltet die Gefühle der Figuren trotzdem im Hinterkopf. Sie ändern vielleicht nur Kleinigkeiten, aber der Leser merkt es, wenn es nicht stimmig ist.

Kitsch & Klischee
Nun nachdem ihr also den Rahmen für die Szene durchdacht habt, beginnt mit dem Schreiben. Das wichtigste dabei ist: Schaltet den inneren Kritiker ab, besonders in solchen Szenen. Schreibt einfach drauf los, egal wie kitschig oder zu viel oder zu wenig es der innere Kritiker findet. Überarbeiten könnt ihr die Szene hinterher. Das größte Problem an Liebesszenen scheinen mir die Hemmungen zu sein, vor allem im Umgang mit Kitsch.
Kitsch ist ein sehr negativ behaftetes Wort, das inzwischen viel zu oft einfach auf tiefe Gefühlsausdrücke angewendet wird. Kitsch ist für jeden etwas anderes, nicht jeder findet Kitsch schlecht und auch die Grenze ab wann etwas kitschig ist, ist bei jedem anders und verschiebt sich auch. Tiefe Gefühle, Gefühlsbekundungen, Gesten, Geschenke, etc. pp. gehören in eine Liebesgeschichte, sofern sie zu den Figuren passen. Natürlich gibt es Menschen, die sehr bodenständig sind und eine sehr niedrige Toleranzgrenze haben, was für sie schon (zu) kitschig ist, allerdings werden Menschen, wenn sie verliebt sind, oft ein wenig kitschiger.
Eine inzwischen weit verbreitete Lösung unter Schriftstellern scheint zu sein, die Figuren etwas kitschiges sagen oder tun zu lassen und das dann sofort in ihren Gedanken zu relativieren – lasst das! Wenn ihr nicht über eine Figur schreibt, deren Eigenart das ist, zu der es einfach passt, dann lasst es. Nur um Kitsch zu vermeiden, aber dann doch einzubringen, wirkt es einfach flach. In einem gewissen zeitlichen Abstand sind solche Gedanken des Protagonisten schon etwas realistischer, aber wenn ihr eine romantische Liebesgeschichte schreibt oder in eure Geschichte einbettet, dann steht dazu!

Eine viel bessere Möglichkeit negativen Kitsch zu vermeiden, ist das Klischee zu vermeiden. Das solltet ihr aber nicht nur in Liebesszenen, sondern immer. Hierbei rede ich hauptsächlich von Formulierungsklischees. Denn auch wenn Klischees nicht gerade einen guten Ruf genießen, kommen sie irgendwo her. Es hat immer einen Grund, warum etwas zum Klischee wird. Daher taugt ein Klischee, um damit zu spielen oder auch um eine Figur zu charakterisieren, wenn sie eben so ist, aber zumindest in der Erzählstimme solltet ihr euch neue eigene Bilder überlegen. In der Ich-Perspektive ist es realistisch, dass man das Klischee der Schmetterlinge im Bauch bedient, aber auch dafür können euch eigene Bilder einfallen.

Ein einfacheres Beispiel ist Angst. Wie empfindet ihr Angst? Beschreibt es in euren eigenen Worten.
Na, musstet ihr euch eines Klischees bedienen? Wahrscheinlich nicht. Das gleiche könnt ihr auch in Liebesszenen machen, benutzt eure eigenen Wörter, Bilder und Metaphern.

Macht euch frei von der Angst zu kitschig zu schreiben, die Gefühle nicht rüber zu bringen oder ähnliches. Ich kann euch versichern, wenn ihr euch zuvor gut vorbereitet habt, also eure Figuren und die Rolle eurer Szene präsent habt, werdet ihr hinterher zufriedener sein, als ihr jetzt denkt. Versetzt euch in eure gewählte Perspektive hinein und schreibt drauf los.

Die Szene
Auch wenn ihr ohne Kritiker und Zweifel drauf los schreiben sollt, hier ein paar Tipps, auf die ihr beim Schreiben achten könnt:

1. die äußere Handlung
Was tun eure Charaktere? Wie tun sie es? Wo sind sie? Egal ob es um angedeutete Gesten, ein Gespräch, einen Kuss oder mehr geht, konzentriert euch auf das, was für eure Perspektivfigur wichtig ist. Es braucht keine anatomische Beschreibung, keine Anleitung, ihr schreibt kein Drehbuch, aus dem die Schauspieler einen genauen Bewegungsablauf schließen können. Überlasst Details, die für die Wahrnehmung der Figur nicht wichtig sind, ruhig der Fantasie des Lesers.

2. die innere Handlung
Was fühlt euer Charakter? Denkt er noch nach? Wenn ja, worüber? Wenn nicht, was lenkt ihn davon ab? Wo ist seine Aufmerksamkeit? Wie nimmt er die Gefühle war? Kann er sie benennen? Wie wirken sie sich körperlich aus? Hier sind auch Metaphern und Vergleiche gut, solange ihr das zu eurer Szene passende Maß haltet.

3. Sinne
Verwendet nicht nur das Sehen und Hören und das Fühlen des Gegenübers. Bei Szenen in denen sich die Figuren nah kommen, können andere Sinneseindrücke auch von starker Bedeutung sein. Gerade der Geruchssinn beeinflusst unsere Emotionen sehr. Wie riecht der andere? Wie schmeckt sein Kuss? Wie fühlt sich die Umgebung an? Nimmt die Figur sie überhaupt noch wahr? Und wenn, was davon? Wind, warme Sonne, die Wand in ihrem Rücken,…? Mehr Sinneseindrücke können eine Szene lebendiger machen, achtet nur darauf, dass es auch realistisch ist, dass eure Perspektivfigur sie gerade wirklich hat. Die wenigstens Menschen sind so aufmerksam, dass sie alle ihre Sinne gleichzeitig beachten und erst recht nicht alles, was sie gerade damit wahrnehmen können.

Die Wortwahl
Zu viele Wortwiederholungen wirken schnell unkreativ und zu dick aufgetragen.
Zu viele verschiedene Wörter, die fast das selbe meinen, nur um Wortwiederholungen zu vermeiden, wirken aber auch zu dick aufgetragen und außerdem unrealistisch. Wir denken und sprechen nicht mit einem Thesaurus im Kopf. Menschen haben einen unterschiedlich großen Wortschatz. Als Autor sollte man seinen Wortschatz möglichst weit bilden. Ihr solltet aber den Wortschatz eurer Figuren nicht in einzelnen Szenen künstlich vergrößern, nur um Wortwiederholungen zu vermeiden.
Manchmal ist weniger tatsächlich mehr. Versteht mich nicht falsch, manchmal kann es gar nicht romantisch genug sein, manchmal soll ein Kuss ruhig eine Seite lang sein, aber besonderes bleibt eben nur besonders, wenn es nicht zur Gewohnheit wird. Wer sich einen Liebesroman aussucht, will sicherlich Liebesgefühle und Küsse lesen, aber nicht 40 lang ausformulierte Küsse auf 400 Seiten, oder? 😉 Das richtige Maß ist wichtig und das hängt eben auch von verschiedenen Faktoren, wie eurer Geschichte, euren Figuren, eurer Zielgruppe ab.

Passt eure Wortwahl an die Art und Geschwindigkeit der Szene an. Ist es ein schüchternes Liebesgeständnis, in einer stillen Nacht ungestört an einem ruhigen Plätzchen? Ist es ein romantischer Tanz auf einem Ball? Ist es ein leidenschaftliches Wiedersehen?
Beachtet dies bei der Länge eurer Sätze, bei dem Klang eurer Wörter, den unterschiedlichen Konnotationen eurer Wörter. Schnelle Handlungen kommen in kurzen Sätzen besser zur Geltung, langsame, sanfte Handlungen können durch solche Sätze hektisch wirken. Auch die Wörter selbst können die Stimmung in ihrem Klang unterstreichen, durch bevorzugt weiche oder harte Laute, einen gewissen Fluss oder Rhythmus.

Hier ein kleines Beispiel, das ich grade kurzfristig geschrieben habe, natürlich geprägt von meinem persönlichen Stil.

Marc saß neben ihr und das einzige, woran sie denken konnte, war seine Nähe. Sie wollte ihn berühren, sich an seine Schulter lehnen, aber sie traute sich nicht. Wie konnte sie ihn nur dazu bringen, sie anders anzusehen? Sie wollte mehr als eine Freundin sein, aber woher sollte er das nach so vielen Jahren plötzlich wissen?
„Marc! Sophie! Ich hab‘ den Weg gefunden!“, rief Tobi.
Marc stieß sich von dem Steinvorsprung ab und streifte dabei mit seinen Fingern Sophies Handrücken. Aufregung rieselte durch ihren Körper und sie sah ihm nach, während er ging. Sehnsucht packte sie, aber sie konnte sich nicht überwinden, ihm nachzulaufen und einfach seine Hand zu nehmen.
Nach ein paar Momenten kam Marc zurück und sah sie fragend an. „Wo bleibst du denn?“
Sie schüttelte den Kopf und stand eilig auf. „Ich komme schon.“
Schweigend folgte sie den beiden Jungs und beobachtete Marc. Die Sonne ließ seine braunen Haare hell schimmern, sodass sie fast blond wirkten. An seinen starken Schultern zeichneten sich schwach Muskeln ab, während er den Berg bestieg und Äste festhielt, damit der Aufstieg Sophie leichter fiel.
Er kümmerte sich immer um sie und war immer für sie da. Sie sprachen über alles. Ob ihm jemals der Gedanke kam, dass es einen Grund hatte, dass sie nie über Jungs sprach, während Lisa und Julia schon mehrere feste Freunde gehabt haben? Wahrscheinlich nicht.
Allerdings sprach er auch nie über Mädchen. Interessierten sie ihn einfach nicht? Oder war es möglich, dass er das gleiche empfand wie sie und die gleichen Zweifel hatte? Nein. Er war viel mutiger als sie, er hätte längst etwas gesagt.

Sophie und Marc sind Freunde, seit sie sich in der 5. Klasse kennen gelernt haben. Tobi ist Marcs bester Freund und zu dritt machen sie einen Campingausflug zu einem Wasserfall in den Bergen.

„Was ist da oben? Glaubst du, das führt irgendwo hin?“, fragte Sophie und deutete auf ein Loch in der Felswand, direkt neben dem herabstürzenden Wasser.
„Möchtest du nachsehen?“ Marc lächelte sie abenteuerlustig an und sie musste zurück lächeln.
„Klar.“
„Komm.“
Er begann die Felswand hochzuklettern und sie folgte ihm. Er war schon in dem Loch, als sie gerade mal die Hälfte geschafft hatte, aber als er sich umsah, kam er noch einmal zurück und half ihr. Seine Hand, mit der er sie immer wieder ein Stück weiter hochzog, war stark und warm. Als sie oben angekommen waren und sie ihn nicht mehr loslassen musste, um sich am Stein fest zu halten, ließ sie ihre Hand einfach in seiner. Er sah sich um, während sie ihn beobachtete. Das Wasser neben ihnen war laut und kühl, aber sie fühlte sich wohl und hörte den Lärm kaum. Sie genoss ihn eher, denn er schottete Marc und sie von der Außenwelt ab. Marc hielt noch immer ihre Hand, als er gefunden hatte, was er suchte.
Das Loch reichte tief in den Stein hinein und der Boden war eben genug, dass man darauf laufen konnte. Marc führte sie in einen Durchgang der nah an der Felswand zu bleiben schien und kurz darauf kamen sie wieder ins Freie – direkt unter dem Wasserfall. Fasziniert sah Sophie nach oben, von wo das Wasser kam. Es schien aus dem Nichts auf sie herabzustürzen. Marc trat an die Felskante, zog sie mit sich und schlang seine Arme um sie.
„Halt dich fest!“, rief er und beugte sie leicht nach vorne, sodass sie hinab sehen konnte. Das Wasser prallte unten auf und bäumte sich zu einem chaotischen Durcheinander auf. Weißer Schaum schlug gegen die Felsen. Sophie streckte ihren Arm aus und berührte die Rückseite des Wasserfalls. Es war eiskalt und riss ihren Arm sofort runter. Marc zog sie noch ein Stück zurück. Sie drehte sich wieder um und sah ihn an, doch er merkte es nicht, da er selbst das Naturschauspiel betrachtete. Auch er sah fasziniert aus. Sein Mund war leicht geöffnet. So abseits von der Außenwelt gestattete sie sich, sich vorzustellen, wie sich seine Lippen anfühlen würden. Sie waren bestimmt ganz weich. Seit Ewigkeiten hatte sie sein Gesicht nicht mehr berührt, aus Angst er könnte etwas merken. Ob sich seine Wangen rauer anfühlten als früher?
Plötzlich sah er sie an und sie erschrak. Hatte er gemerkt, dass sie ihn angehimmelt hatte? Er sagte etwas, das sie nicht verstand und sah sie fragend an. Überrumpelt sah sie weg. Hatte er etwas gemerkt? Was hatte er grade gesagt? Sie zitterte innerlich vor Angst. Marc zog sie ein Stück von der Felskante weg, löste einen Arm und griff unter ihr Kinn um ihr Gesicht wieder zu seinem zu drehen. Sophie hielt den Atem an. Er musste etwas gemerkt haben und er würde sicher nicht so tun, als wäre nichts. Wie konnte sie aus dieser Situation wieder raus kommen? Wieder sagte er etwas, dass sie nicht hören konnte, obwohl er sich weiter zu ihr herab gebeugt hatte.
Er schloss die Augen und senkte seine Lippen auf ihre. Überrumpelt riss sie die Augen auf und starrte ihn an. Aber nach Bruchteilen einer Sekunde erwiderte sie seinen Kuss einfach. Er hielt sie fest an sich gedrückt und sie legte ihre Arme in seinen Nacken. Seine Lippen waren tatsächlich ganz weich, aber auch nass und kühl von der Gischt um sie herum. Sie fühlte sich, als würde sie in der feuchten Luft schweben, während sein Kuss intensiver wurde. Er öffnete die Lippen und seine Zunge war warm und zärtlich. Sie sank in seine Arme und schob ihre Hand in seine ebenfalls nassen Haare. Durch den dünnen Stoff spürte sie seine Hände auf ihrer Hüfte und ihrem Rücken und gab sich seinem Kuss vollkommen hin. Jede Berührung seiner Lippen schüttete einen warmen Schwall Glück in ihre Seele.
Viel zu schnell löste er sich wieder von ihr und sah ihr in die Augen. Sein Lächeln verriet ihr, dass das auch für ihn kein bedeutungsloser Kuss gewesen ist und sie streckte sich ihm wieder entgegen. Er verstand und begann sie erneut zu küssen.

Klar kann man diese Szene kitschig finden, aber ich finde es ist der Situation, den Figuren und vor allem der gewählten Perspektive angemessen. Sophie ist ein verliebtes junges Mädchen und träumt von der großen Liebe. Marc ist ihr Ritter und sie ist sowieso schon eine sehr sensible Persönlichkeit.
Wäre das Ganze aus Tobis Sicht, der die beiden beobachten würde, sähe die Szene sicherlich ganz anders aus.

Marc zog das leichtsinnige Ding von der Kante weg und Sophie drehte sich zu ihm, um ihren Retter anzuschmachten. Marc war ein echter Vollidiot, dass er nicht merkte, wie Sophie ihn vergöttterte. Sie starrte ihn an, als wäre er ein Superheld in Ritterrüstung. Mädchen! Marc wandte seinen Blick wieder vom Wasser ab und sah Sophie an, die nicht schnell genug reagierte. Na also, jetzt musste auch er gerafft haben, dass sie total verknallt in ihn war. Verlegen versuchte sie die Situation zu überspielen und scheiterte kläglich. Tobi musste lachen. Die beiden waren eine echte Katastrophe darin, ihre Gefühle füreinander zu zeigen.
Marc zog sie an sich und küsste sie. Hatte ja lang genug gedauert! Endlich bekamen die zwei es auf die Reihe. Tobi schmunzelte und ließ die beiden allein.

~Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein,
Langen und bangen in schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt –
Glücklich allein ist die Seele, die liebt. ~
(Johann Wolfgang von Goethe, aus Egmont)

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10 Gedanken zu “~Blogparade 2016: Wie man gute Liebesszenen schreibt~

  1. Huhu Sandra 😀

    Einen tollen Beitrag hast du geschrieben und auch sehr hilfreich, wenn man in so einer Szene gerade feststeckt. In meinem aktuellen Romanprojekt habe ich ja auch ein „Liebespärchen“, wobei ich den Leser da ein wenig hinters Licht führen möchte. Der Mann gibt nicht den Unnahbaren, sondern flirtet ungehemmt, lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass sein Interesse eher mäßig ist – während das Mädchen ihn vergöttert. Eine Happy-End-Lösung ist erstmal nicht geplant ^^

    Schreibst du solche Szenen eigentlich einfach drauflos oder verfasst du vorher eine Art Choreographie? Bei Kampfszenen ist sowas ja durchaus üblich und ich habe schon oft gelesen, dass man Liebes- und Kampfszenen gut vergleichen kann …

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    1. Freut mich, dass er dir gefällt 🙂
      So eine Lösung kann ja auch eine gewisse Wirkung erzielen. Kommt halt drauf an, was man damit sagen will. Sind es zwei Hauptfiguren? In welche Richtung geht denn die Haupthandlung?
      Ich schreibe einfach drauf los. Ich bin zwar auf der groben Handlungsebene Plotterin, aber in den einzelnen Szenen lass ich meine Figuren sich selbst entwickeln und spontan reagieren 🙂 Würde ich bei Kampfszenen erst mal auch so machen.

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      1. Nur eins ist die Hauptfigur, der Mann ist aber für den weltlichen Konflikt eine tragende Persönlichkeit. Die Liebesgeschichte ist also keine Haupthandlung, beeinflusst aber stark die Reaktionen der Protagonistin.
        Die Haupthandlung geht eher in Richtung klassische epische Schlachten bei High Fantasy ^^

        Finde ich gut, wenn sich deine Figuren in den Szenen selbstständig entwickeln. Passiert es dir manchmal, dass sie in eine unvorhergesehene Richtung gehen?

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      2. @ Kelpie: irgendwie kann ich unter dir nicht mehr auf Antwort klicken o.O Dann eben hier:
        Dein Werk klingt sehr interessant, ich bin gespannt. Wenn es raus kommt, werde ich’s bestimmt lesen 😉
        Ja, das passiert mir manchmal. Aber dann muss das auch so sein 😀

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  2. Schöööön. Ganz besonders habe ich mich darüber gefreut, dass Du uns eine von Dir geschriebene Liebesszene präsentiert hast. Hach, ich hab mich in die Zeiten zurückversetzt gefühlt, als ich selbst so schüchtern einen Klassenkameraden angeschmachtet habe. Nur hat der sich überhaupt nicht für mich interessiert. 😉 Wenn man älter wird, wird man ja durchaus selbstbewusster. Aber die Gefühle des Verliebtseins sind immer noch genauso aufregend und schön! 🙂

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    1. Ich freu mich so. Die erste Szene, die jemand anders als meine Kommilitonen, Dozenten und meine Mutter lesen. Ja die Schulzeit war schon eine spezielle Zeit. Aber Verliebtsein ist immer toll, da hast du vollkommen Recht. 😀

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  3. Du triffst mit deinem Post den Nagel auf den Kopf. Ich hab besagte Szenen immer drauf los geschrieben ohne groß darüber nachzudenken. Wenn man dich beim Schreiben in die Rolle des Protagonisten versetzt weiß man wie und ob er/sie jemanden rumkriegt und mit welchen Worten und Taten. In meinem letzten Buch ist kein einziges Mal die Floskel „Ich liebe dich“ gefallen und es ist trotzdem klar geworden, dass zwei Menschen eine sehr enge und langjährige Beziehung eingegangen sind.

    Ist es schlimm Geschichten wie Drehbücher zu schreiben? Das heißt doch nur, dass man eine sehr visuelle Vorstellung von dem Ganzen hat. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich ein sehr kopflastiger Mensch bin, der nie auf Gerüche achtet (es sei denn mir wird schlecht davon xD) und auch haptisch nur den Unterschied zwischen schön und eklig kennt xD Ich finde deine Szene schön geschrieben, aber sie könnte nie aus meiner Feder stammen.

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    1. Freut mich sehr, dass mein Artikel auf Zustimmung stößt 🙂
      Ich benutze „Ich liebe dich“ auch unterschiedlich viel, manchmal sehr viel, manchmal wenig, selten sogar nahezu gar nicht, weil es eben stark auf die Figuren ankommt. Jeder Mensch ist anders und agiert nunmal auch anders, lieben tun sie trotzdem, zumindest die meisten und dieses Gefühl kann man auch rüber bringen ohne es direkt zu sagen 🙂
      Nein, es ist nicht schlimm, wie Drehbücher zu schreiben 😉 Ich meinte nur, dass man nicht jede Bewegung aufschreiben muss. Man kann sie ruhig der Fantasie des Lesers überlassen. Bei einem Film kann man das nicht so einfach. Aber da müsste man damit auch nicht seitenweise Text füllen, sondern hat einfach ein Bild. Beim geschriebenen Wort muss man die Beschreibung, das Gefühl und die Erzählzeit unter einen Hut bekommen und wenn man sich dann zu viele Gedanken darum macht, die Choreographie genau aufzuschreiben, kann das behindern. Es sich gut vorstellen zu können ist natürlich trotzdem nie verkehrt 😉
      Danke schön. Ich gehe mir gleich mal deinen blog ansehen 🙂

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      1. Geschmäcker sind verschieden. Manche Autoren kauen ja alles vor, andere schreiben nur essentielles auf und lassen es sogar offen, wie der Erzähler heißt o_O Ich beschreibe relativ viel, aber natürlich nicht jedes Staubkorn.
        Klar, du kannst gerne bei mir rumstöbern 🙂 Der Blog hat aber nichts mit meinen Schreibereien zu tun… über die poste ich im Internet eher wenig, weil ich die Geschichten über einen Verlag veröffentlichen möchte und leider schonmal Opfer von Ideenklau geworden bin. Ich denke aber noch darüber nach, irgendwann mal über das Schreiben an sich zu posten, weil ich da meine ganz eigene Art entwickelt habe.

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